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Gastkommentar

Abfall als Chance

 „Wir erwarten in Europa ein kontinuierliches Wachstum im Markt für Abfallbehandlung und Energieerzeugung in der nächsten Dekade.“ Andris Piebalgs, EU-Kommissar für Energie

Andris Piebalgs, EU-Kommissar für Energie, über die Bedeutung der energetischen Abfallverwertung für eine nachhaltige Energiepolitik innerhalb der Europäischen Union

 

Die Europäische Kommission hat im Januar 2008 weitreichende Vorschläge für die Umsetzung der Vorgaben des Europarats zur Bekämpfung des Klimawandels und zur Förderung erneuerbarer Energien gemacht. Das Maßnahmenpaket sieht die Reduktion von Treibhausgasemissionen in Höhe von mindestens 20 Prozent bei einer gleichzeitigen Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien an der Energieerzeugung von ebenfalls 20 Prozent bis zum Jahr 2020 vor, wie es die EU-Staatschefs im März 2007 beschlossen hatten. Die Verringerung der Emissionen wird bis 2020 sogar bei 30 Prozent liegen, wenn ein neues weltweites Abkommen zum Klimawandel realisiert werden kann.

 

In Zeiten steigender Ölpreise und wachsender Sorgen über den Klimawandel ist erneuerbare Energie nicht nur eine passende Lösung, sondern auch eine große Chance. Die erneuerbaren Energiequellen werden uns dabei helfen, CO2-Emissionen zu reduzieren, unsere Versorgungssicherheit zu erhöhen und den Hochtechnologiesektor weiterzuentwickeln. Wenn wir uns jetzt der Herausforderung stellen, wird Europa die führende Position im Rennen um eine CO2-reduzierte Wirtschaft einnehmen, die unser Planet so dringend braucht.

 

 

 Andris Piebalgs ist seit 2004 EU-Kommissar für Energie. Der 51-jährige Physiker aus Lettland spricht fließend fünf Sprachen.

EU-Strategie für Abfallrecycling
In diesem Umfeld müssen energiehaltige Rohstoffe optimal genutzt werden. Dies gilt besonders für jene Abfälle, die eine interessante und nachhaltige Energiequelle darstellen. Um einen ordnungsgemäßen Umgang mit dieser Quelle sicherzustellen, hat die EU Regeln eingeführt und eine thematische Strategie für die Abfallverringerung und das Recycling entwickelt. Diese langfristige Strategie soll Europa dabei helfen, eine Recyclinggesellschaft zu werden und Abfall einerseits zu reduzieren, andererseits als Energie- und Rohstoffquelle zu nutzen. Als ersten Schritt hat die Kommission eine Revision der 1975 in Kraft getretenen Abfallrahmenrichtlinie vorgeschlagen, um Recyclingstandards festzulegen und die EU-Mitgliedstaaten zu verpflichten, nationale Programme zur Abfallverhinderung zu entwickeln. Diese Revision wird durch Zusammenführung, Optimierung und bessere Transparenz der gesetzlichen Vorgaben auch zu einer besseren Regulierung beitragen.

 

 

 

EU-Abfallmanagement für die Energieproduktion
Die aktuell am weitesten verbreitete Technologie zur thermischen Abfallverwertung in Europa ist die Verbrennung von gemischten Abfällen in MVAs zur Energieerzeugung. Es gibt darüber hinaus jedoch auch eine ganze Reihe von unterschiedlichen Praktiken beim Abfallmanagement in den EU-Mitgliedstaaten. Einige Länder erreichen bereits heute ein hohes Niveau sowohl bei der stofflichen als auch der energetischen Verwertung, andere liegen noch unter diesem Level und müssen dringend die Umsetzung von Recycling und Verwertungsmaßnahmen in ihren Märkten vorantreiben.

 

Insgesamt ist die Deponierung immer noch die am weitesten verbreitete Methode der Abfallentsorgung in der EU mit einem Anteil von ca. 40 Prozent am gesamten Abfallaufkommen. Recycling und Kompostierung machen weitere 40 Prozent aus, während die thermische und energetische Verwertung auf 20 Prozent kommen. Eine der größten Abfallquellen ist der städtische Haushaltsabfall. Laut der jüngsten Studie von Eurostat wurden in der EU im Jahr 2005 rund 250 Millionen Tonnen erzeugt, wobei der Anteil an biologischen Abfällen mit 113 Millionen Tonnen – also 45 Prozent – recht hoch lag. Die erneuerbare Fraktion des gemischten Siedlungsabfalls, die als „biologisch abbaubare Abfallfraktion“ definiert wird, variiert zwischen 30 und 70 Prozent. Die Primärenergieproduktion durch Verbrennung erneuerbarer Siedlungsabfälle wird für 2007 auf 6,1 Megatonnen geschätzt und erzeugte 14 TWh. Dies entspricht einem Anteil von 18 Prozent der gesamten elektrischen Energieproduktion aus Biomasse. Obwohl es sich hierbei um einen vergleichsweise bescheidenen Anteil an der gesamten alternativen Energieerzeugung von 464 TWh handelt, sollte dieser Anteil innerhalb der nächsten Jahre steigen, um verstärkt zum Erreichen der für das Jahr 2020 gesetzten Ziele im Bereich der erneuerbaren Energien beizutragen. Da bis heute lediglich rund 20 Prozent der dafür in Frage kommenden Abfälle für die Energieerzeugung genutzt werden, ist es erforderlich, dass die Unternehmen der Kreislaufwirtschaft weiter an neuen und innovativen Konzepten zum Abfallmanagement und zur technologischen Weiterentwicklung bei der Umwandlung von Abfällen in Energie arbeiten. Ein wichtiges Element zur Unterstützung der verbesserten Nutzung der Rohstoffquelle Abfall ist durch die Direktive gegeben, laut derer bis zum Jahr 2016 nur noch weniger als 35 Prozent des organischen Abfallstroms deponiert werden darf.

 

 

 

Die Evolution der Energiegewinnung aus Abfall
Um die Ziele der Deponieverordnung der Europäischen Kommission zu erreichen, müssen die Mitgliedstaaten die Deponierung signifikant reduzieren. Dies bringt nicht nur Vorteile bei der Nutzung der Sekundärrohstoffe, sondern auch bei der Verringerung der Treibhausgasemissionen. Wir erwarten in Europa ein kontinuierliches Wachstum im Markt für Abfallbehandlung und Energieerzeugung in der nächsten Dekade. Laut einer ganzen Reihe von Studien erfordert dies den Bau von über 100 neuen energetischen Verwertungsanlagen mit einer wachsenden Kapazität zwischen 13 und 15 Millionen Tonnen pro Jahr. Neben der thermischen Abfallbeseitigung dienen die neuen Anlagen und Technologien vor allem der Energie- und Wärmeerzeugung. Die Mitverbrennung von Abfällen mit fossilen Brennstoffen ist gegenwärtig ebenfalls eine wirtschaftlich attraktive Möglichkeit, genauso wie die Biogasproduktion durch anaerobe Vergärung. Auch die Gasherstellung aus Abfall und die Pyrolyse bieten ein hohes Lösungspotenzial zur Wiedergewinnung des Energiegehaltes aus den Abfällen, doch sie befinden sich noch im Entwicklungsstadium. Deshalb sollte die Europäische Union ihre Unterstützung bei der bestmöglichen Entwicklung dieser Technologien geben.

 

Ziel ist die Erhöhung der Energieeffizienz und die Realisierung kostengünstiger technischer Lösungen zur Überwindung der heutigen Beschränkungen. Die Kommission ist sich der technologischen Herausforderungen bewusst und unterstützt die gemeinsamen Anstrengungen auch durch ihren Beitrag zur Forschung und technischen Entwicklung gemäß dem 7. Forschungsrahmenprogramm.

 

 

 

 

Die Wasser- und Kreislaufwirtschaft arbeitet an neuen und innovativen Konzepten zum Abfallmanagement und zur energetischen Verwertung.




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